Die zwei Umbrüche der Menschheit: Gustav Seibt über Oded Galors überraschend optimistische Universalgeschichte.
Wenn man die Geschichte der menschlichen Gattung aus großer Entfernung betrachtet, dann zeigen sich zwei tiefgreifende Umbrüche. Der eine ist die neolithische Revolution, bei der die Menschen am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12 000 Jahren sesshaft wurden, ihre Wirtschaft vom Jagen und Sammeln auf Ackerbau und Viehzucht umstellten und damit auch Arbeitsteilungen, Handwerk, Wissen, Künste, Schrift, differenzierte soziale Schichtungen und Herrschaftsformen entwickelten.
Was aber ist der entscheidende Unterschied zwischen der nachneolithischen und der industriellen Epoche? Könnte man nicht einfach von einer ungeheuren Steigerung aller schon durch die Sesshaftwerdung erreichten Errungenschaften sprechen? Oded Galor, in den USA lehrender israelischer Ökonom, macht einen Hauptunterschied zum Angelpunkt seiner kurzen, weiträumigen Menschheitsgeschichte: Vor der industriellen Revolution wurden alle durch agrarische und technische Fortschritte...
Warum aber kam es so? Galors entscheidendes Wort heißt"Humankapital". Der technische Fortschritt verlangte immer besser ausgebildete Menschen, nicht nur um ihn weiterzutreiben, sondern schon um die anspruchsvollen technisierten Wirtschaftsformen aufrechtzuerhalten. Ungelernte Arbeit, gar Kinderarbeit, Analphabetismus, körperliches Schuften bis zum frühen Verschleiß lohnte sich in einer hochtechnisierten Umgebung nicht mehr.
Galor nennt diese Umstellung von Masse auf Humankapital den"demografischen Übergang", die größte Umwälzung der Menschheit seit 10 000 Jahren. Doch wie kam es dazu und warum zunächst nur an bestimmten Orten? Das ist die Frage, die seine Geschichte der Menschheitsreise eigentlich beantworten will.Oded Galor: The Journey of Humanity. Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende. Über die Entstehung von Wohlstand und Ungleichheit.
Interessant ist es trotzdem, sich diese Fragen vorzulegen. Im zweiten Teil seines Buches sammelt Galor zahlreiche Faktoren, die von liberalen politischen Institutionen bis zu Klimafragen, von kleinteiliger Geografie bis zu religiösen Arbeitsethiken reichen.